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Mina - Kulturmagazin - Heimat - Mina Knallenfalls

Wuppertal hat einige bedeutende und iden- tifikationsstiftende Menschen hervorge­ bracht, Pina Bausch und Friedrich Engels, Else Lasker­Schüler und Friedrich Bayer, Helene Stöcker und Armin T. Wegner. Aber Mina Knallenfalls ist am populärsten –, vielleicht weil sie einfach einzigartig für die Stadt ist. Dennoch ist es eine beachtliche Karriere für die fiktive Figur eines gelegen­ heitsdichtenden Unternehmers. Otto Haus­ mann (5. November 1837 – 13. März 1916), Sohn eines Färbereibesitzers, musste wegen der Krankheit seines Vaters früh zum Fami­ lienunterhalt beitragen. Er kannte also die Verhältnisse genau, die er dem Leben seiner Großmutter nachempfunden haben soll und 1870 ungeschminkt und in Elberfelder Platt in seiner gereimten Moritat beschrieb. Leben in Armut Mina wächst vor gut 150 Jahren in den übels­ ten Slums am Islandufer auf. Genau da, wo – Ironie der Geschichte – heute der Sparkas­ Eine wie wir Ihre Mina Knallenfalls haben die Wuppertaler richtig gern. An der Bronze-Mina, die die Künstlerin Ulle Hees 1979 drall und selbst- bewusst in die Poststraße gestellt hat, sind die Rundungen blank getätschelt, ständig wird sie für Fotos umarmt und untergehakt. Zur Konfirmation wird der Kirchenmann trotzdem eingeladen, die Feier endet in ei­ ner Prügelei – die Sitten sind derb. Schon als kleines Kind muss Mina erst zu Hause, dann in der Webereifabrik mitarbeiten; bis 1839 galten Arbeitszeiten bis zu 15 Stunden für Achtjährige als normal. Dennoch luchst sie dem Leben Lichtblicke ab. Die junge Frau verliebt sich in den Färber Karl, die beiden gehen tanzen und auf die Kirmes. Dann wird Mina schwanger, sie heiraten brav. Doch Karl wird eingezogen, Mina schafft es nicht, sich und die Kinder durch­ zubringen, wird vor die Tür gesetzt und zieht schließlich zurück zu ihren Eltern. Als Karl endlich zurückkommt, hängt auch er am Alkohol. Schließlich resigniert Mina: „Wird nicht alles rund getrieben, ist am Ende nicht alles Dreck? Für uns fängt das alte Leben wieder an am alten Fleck.“ Proletariat und Widerstand Diese Proletarierbiografie mit ihrem bitte­ ren Witz muss für bürgerliche und kirchen­ treue Leser („Fule Pfaffen sind verdammt dat schleitste Pack“) im 19. Jahrhundert eine Provokation gewesen sein. Und das war sie auch. Nicht ohne Grund hat Otto Hausmann das Buch anonym veröffentlicht, sein Name erschien erst 1937 auf dem Titelblatt. Doch der Autor, über dessen zeittypisch patheti­ sche Schriften und Gedichte wie „Das Lach­ täubchen“ niemand mehr spricht, hat mit seiner lebensprallen Mina Knallenfalls nachhaltig – laut Born­Verlag hat das Buch die 13. Auflage erreicht – den Nerv der Wuppertaler getroffen. Sie leben natürlich längst anders, erkennen sich aber trotz­ dem wieder in dieser Person: bodenständig, selbstbewusst, unerschrocken. senturm steht. Elberfeld und Barmen sind boomende Zentren der Industrialisierung, die Fabrikanten exportieren ihre Waren bis nach Westindien und Amerika. Doch die Arbeiter leben in Elendsquartieren. Dicht an dicht stehen die mehrstöckigen Fach­ werkhäuseranderWupper,drinnenwohnen die Menschen in drangvoller Enge, manch­ mal zehn Erwachsene und Kinder in einem einzigen Raum. „Eck si an de Foahr ertro­ cken / Mi Vader wor fuselkrank / Mi Moder, die streckten Socken / on spolden onger de Hank.“ Schon die ersten Verse lassen keinen Zweifel am Ambiente: „Ich bin an der Fuhr erzogen, mein Vater war alkoholabhängig, meine Mutter strickte Socken und spulte unter der Hand.“ Von einer fürsorglichen Kindheit ist sie weit entfernt. Es gab kaum etwas zu essen, „wir saßen im Dreck bis zum Kragen,mitvierJahrenkriegteichdieKrätze.“ Mina lässt sich trotz allem nicht die Butter vom Brot nehmen. Als sie im Konfirman­ denunterricht meint, der Pfarrer habe sie beleidigt, protestiert sie laut und deutlich. Die lebensgroße Mina-Skulptur in der Elberfelder Fußgängerzone ist ein beliebtes Fotomotiv Fotos:SüleymannKayaalp Heimat Mina Knallenfalls | von Anne Grages 01.2015 4 01.20154

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