Analytische Klangbilder auf der Bühne

Foto: Anna Schwartz

Wuppertal. Das Handwerk des Komponierens wandelt sich seit Menschengedenken stetig. Beeinflusst wird es unter anderem von der Entwicklung und Erfindung von Instrumenten. Seine Blüte erlebte zum Beispiel das Harmonium erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zur Zeit der Entstehung von Gustav Mahlers vierter Sinfonie in G-Dur im Jahr 1901. 20 Jahre später, am 10. Januar 1921, wurde sie in der von Erwin Stein geschaffenen Version für Kammerensemble uraufgeführt, in der das Harmonium zum Einsatz kommt. Auch eine teuflisch fidelnde Geige (sie ist einen Ganzton höher gestimmt als normal) kommt zum Einsatz.

Die Musiker spielten kultiviert und mit viel Spaß

Die Kammerphilharmonie Wuppertal bot nun in der Immanuelskirche diese Fassung. Hat Stein diesem groß besetzten Orchesterwerk einfach nur eine Abmagerungskur verpasst? Mitnichten. Er arbeitete akribisch daran. Herausgekommen sind luftig-klare, analytische Klangbilder, die Mahlers Ideen und Themen schnörkellos darstellen.

Gut, ein Harmonium stand nicht auf der Bühne. Dafür wurde Akkordeon gespielt, welches dem Klang dieses Tasteninstruments am nächsten kommt. Ein akzeptabler Kompromiss. Und unter Werner Dickels präzisem Dirigat spielten die fünf Streicher, drei Holzbläser, die beiden Schlagzeuger, der Pianist und besagter Akkordeonist dieses Arrangement ausgesprochen kultiviert, mit sichtlich viel Spaß an dieser Musik. Dazu intonierte Sopranistin Friederike Meinel im Finalsatz „Das himmlische Leben“ aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ ausgesprochen gehaltvoll.

Die Instrumentenentwicklung hörte vor 100 Jahren allerdings nicht auf. Strominstrumente spielen heute auch eine wichtige Rolle. Rock, Pop, Jazz sind ohne sie undenkbar. Der in Köln sesshafte Komponist Wilfried Maria Danner hat keine Scheu, sie für seine Musiksprache zu verwenden. Der einstige Schüler von Hans Werner Henze und Luciano Berio verwendet etwa in seinem jüngsten Stück „Nachtschleife“ für Sopran und großes Kammerensemble E-Bass und Kontrabass. Das Vibraphon – eines der in den 1920er Jahren entwickelten klassischen In-strumente im Jazz – ist auch mit dabei. Hinzu kommen stilistisch bei den vier Textvertonungen vielschichtige latente Tonalitäten und komplexe Rhythmen, die ein Crossover zwischen E- und U-Musik gewahr werden lassen.

Ein richtig spannendes, überzeugendes neues Stück, von allen Beteiligten tadellos und packend uraufgeführt.