Kleider für die Theaterpremiere: Die Illusion muss richtig sitzen

Foto: Andreas Fischer

Wuppertal. Knallrote spitze Schuhe, dazu eine schwarze Marlene-Hose, obendrüber eine rote Samtcorsage. „Pocket-hoops“ werden auf die Hüften gebunden, damit sich darüber eine barocke Tüllwolke in Weiß und Gold bauscht. Als Oberteil kommt ein nachtblaues Jackett mit weiten Schößchen hinzu: Schicht um Schicht wird aus der Schauspielerin Philippine Pachl die Figur Elmire aus Molières „Tartuffe“ – die Komödie hat am 9. April Premiere.

„Das Stück stammt aus den 1660er Jahren, also lange bevor es den Begriff Emanzipation gab“, sagt Regisseur Maik Priebe, „aber Elmire ist eine ganz starke und selbstbewusste Frau.“ Sie ist mit dem reichen Orgon verheiratet, der große Stücke auf den fromm auftretenden Tartuffe hält. Ihm will er seine schon anderweitig verlobte Tochter zur Frau geben, ihm überschreibt er sein ganzes Vermögen. Doch Elmire entlarvt Tartuffe im vierten Akt als scheinheiligen Betrüger – sie verführt ihn, während ihr Mann unter dem Tisch sitzt. Dabei wird sie Schicht um Schicht ablegen, bis sie in einem Business-Anzug dasteht.

Der schwere Mantel beengt Stefan Walz an den Schultern

„Elmire soll ausschauen wie Zuckerwatte, die man unbedingt haben will“, sagt die freischaffende Bühnen- und Kostümbildnerin Susanne Maier-Staufen. Wild verspielt zwischen Barock und Moderne hat sie die Kostüme entworfen, darauf hat sie sich in Vorgesprächen mit Regisseur Priebe verständigt. „Dann muss man immer sehen, was der jeweilige Schauspieler an Körper mitbringt und ob sich das Kostüm in der Bühnenaction trägt“, sagt sie mit der Erfahrung ihrer 30 Berufsjahre.

Stefan Walz, der den Orgon spielt, fühlt sich nämlich in seinem Wendemantel – außen schwarzer Strick, innen roter Ausbrennersamt – um die Schultern herum beengt. Da muss also noch ein Einsatz eingepasst werden, ein Ärmel-Fisch im Fachjargon. Walz weiß schon jetzt: In diesem schweren Mantel wird er schwitzen – „das warme Wetter kommt ja erst. Ist dann halt mein Fitness-Programm.“

Orgon ist ein konservativer Patriarch, für die Anklänge an die Moderne muss man bei seinem silbernen Anzug schon genau hinsehen. Er hat eine barocke Optik, aber Susanne Maier-Staufen hat dafür einen normalen Männeranzug aus dem Fundus abgeändert: „Es ist ein Unterschied, ob ein Schauspieler eine barocke Kniebundhose trägt, die an der Seite geschlossen wird, oder ob er die Hände in die Taschen stecken kann wie sonst auch. Der steht dann viel lässiger auf der Bühne.“

Sie hat Walz auch silberne Barock-Schuhe mit sechs Zentimeter hohen Absätzen bestellt: „Die hätte ich gern möglichst früh“, kommentiert der knapp – damit er darin seine Lässigkeit nicht gleich wieder verliert. Ein neckischer Bruch ist gleich eingebaut: Zwischen Schuh und Hose guckt nacktes Männerbein hervor.

Bei Philippine Pachl hat das Kostüm ebenfalls Einfluss aufs Körpergefühl: „Wenn man so einen Ausbau auf den Hüften trägt, braucht man viel mehr Raum und nimmt automatisches ein majestätisches Verhalten an.“ Man könne die Hände auch nicht einfach ablegen: „Ich kann sie nur vor dem Bauch tragen.“

Hinter der effektvollen Kostümierung steckt ein hoher Aufwand. Alles ist Maßarbeit, Papier-Schnittmuster hängen dicht gedrängt an Klemmbügeln. Nach den gezeichneten Entwürfen und der Stoffauswahl von Susanne Maier-Staufen hat Petra Leidner, die Leiterin der Damenschneiderei, die Kostüme ins Praktische übersetzt und provisorisch zusammengenäht oder -gesteckt, schon erstaunlich nah am Endergebnis: „Meist komme ich mit einer Anprobe aus. Ich will die Schauspieler ja nicht unnötig herumstehen lassen.“

Dann erst beginnt das Nähen. „Die Grundnähte machen wir mit der Maschine, aber das Meiste ist Handarbeit.“ Und die kann für solch ein Kostüm zwei Wochen dauern.

Susanne Maier-Staufen lobt die großartige Arbeit in den Werkstätten des Opernhauses, in denen es früher allerdings weitaus geschäftiger zuging. „Wir machen natürlich die Produktionen für die Oper und das Tanztheater, haben aber doch danach gelechzt, mal wieder eine Theaterproduktion größer auszustatten“, sagt Leidner. „Unter Christian von Treskow haben wir noch viele historische Kostüme gemacht, aber die Etats sind ja mittlerweile so zusammengeschrumpft.“

Foto: Andreas Fischer