Zwischen großer Wäsche und Cholera

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Wuppertal. Herr Goebel, Sie haben im Laufe der Jahre schon Einiges über Adolph Diesterweg veröffentlicht, sind auch Mitherausgeber der Gesamtausgabe. Woher kommen plötzlich die Briefe seiner Frau Sabine?

Klaus Goebel: Mich hat Lotte Köhler, eine Ururenkelin von Sabine Diesterweg, gefragt, ob ich ihre Briefe zum 150. Todestag von Sabine und Adolph Diesterweg anschauen und eventuell veröffentlichen möchte. Sie hat den einzigen geschlossenen Bestand an persönlichen Briefen, der noch erhalten ist. Diesterwegs Tochter Julie, die mit ihrem Mann Heinrich Köhler in Offenbach lebte, hat sie aufbewahrt.

Und die Briefe haben Ihnen gefallen?

Goebel: Ich fand, dass es einzigartige Zeugnisse aus dem 19. Jahrhundert sind. Hier erfährt man, wie die Menschen tatsächlich gelebt haben.

Liegt das auch daran, dass eine Frau diese Briefe geschrieben hat?

 

Goebel: Ich denke ja. Denn die Frauen sind ja unmittelbar mit dem Alltag konfrontiert. Wenn Adolph Briefe mit Kollegen wechselte, ging es in erster Linie um seine Reform der Lehrerausbildung. Sabine Diesterweg sah ihre Aufgabe als Ehefrau darin, für ihren Mann ein warmes, bequemes Nest bereit zu halten. Sie hatte zehn Kinder und musste den Haushalt bewältigen. Deswegen schreib sie über die große Wäsche und was auf den Tisch kam.

Wie waren die Wohnverhältnisse?

Goebel: An ihnen lässt sich ablesen, wie sich das Leben und die Medizin in den vergangenen 150 Jahren revolutioniert haben. Die keineswegs arme Familie Diesterweg hat in Berlin erst in den letzten Jahren eine Wasserleitung bekommen. Damit wollte die Hauptstadt die immer wieder auftretenden Cholera-Epidemien eindämmen. Aber die beiden Diesterwegs sind 1866 trotzdem kurz hintereinander an der Cholera gestorben. Dazu gibt es sehr bewegende Briefe.

Warum waren Briefe in der Zeit so wichtig?

Goebel: Als Julie Diesterweg in den 1840er Jahren nach Offenbach heiratet, war die Eisenbahn nach Berlin zu den Eltern erst in Planung. Telefon gab es natürlich auch nicht. So konnten Jahre bis zum nächsten Wiedersehen vergehen. Also schrieb man sich, wie das Leben so lief. Heute sind wir dankbar für diese schriftlichen Zeugnisse. Man muss sehen, wie die Historiker in 100 oder 200 Jahren damit umgehen, dass der Alltag heute zumindest nicht mehr auf Papier schriftlich festgehalten wird.

Wonach haben Sie die Briefe ausgewählt, die über den Zeitraum von 1844 bis 1866 reichen?

Goebel: Ich habe beispielsweise schnell festgestellt, dass Weihnachten für Weihnachten ähnliche Briefe geschrieben wurden. Da reichen dann zwei bis drei Beispiele.

Haben Sie die Briefe selbst vom Original abgeschrieben?

Goebel: Ja, ich musste mich wohl erst noch mal in die alte deutsche Kurrentschrift vertiefen – nicht zu verwechseln mit Sütterlin, die Schrift kam erst 1912. Danach habe ich die Briefe in den Computer getippt. Ich habe in Ronsdorf aber auch eine Kennerin dieser deutschen Schrift gefunden: Gisela Heusner hat noch mal drüber geguckt, was für das eine oder andere auch sinnvoll war.

Ist der Inhalt für den Leser von heute ohne weiteres verständlich?

Goebel: Die Briefe sind ungekürzt. Aber man kann den Leser nicht allein lassen mit Texten, die vor 150 Jahren geschrieben wurden. Im Kommentar erkläre ich die politischen Hintergründe wie die Krönung und der Anschlag auf Friedrich Wilhelm IV. Meine Anmerkungen stelle ich kompakt hinter die Briefe – Fußnoten stören für mein Empfinden den Lesefluss. So lasse ich die Texte für sich sprechen. Wer mehr wissen will, kann hinten nachschlagen.

Foto: Anne Grages