Carmen Klement: „Kunst hat oft provoziert“

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Wuppertal. Carmen Klement ist die Frau für die Kunst, die draußen in der Stadt steht. Die Kunsthistorikerin, die zum Von der Heydt-Museum gehört, berät die Politiker bei Neuaufstellungen und Schenkungen im öffentlichen Raum. Sie kümmert sich auch um die fachliche Restaurierung, wenn eines der 150 bis 170 Kunstwerke im Stadtgebiet beschädigt wird.

Frau Klement, wie geht es der Wuppertaler Kunst im öffentlichen Raum?

Carmen Clement: Erst die gute Nachricht: Es geht ihr insofern gut, als in den vergangene zehn Jahren einige schöne und bedeutende Skulpturen dazu gekommen sind, die einen Ausschnitt der aktuellen Kunstentwicklung zeigen. Dazu gehören unter Arbeiten von Tony Cragg wie die Dauerleihgabe „I’m alive“ vor dem Opernhaus, „WhyPop“ von Harald Klingelhöller am Kreisel Hofkamp und „Ein neuer erfolgreicher Tag“ von Guillaume Bijl an der Herzogstraße.

Und was ist die schlechte Nachricht?

Klement: Es geht der Kunst im öffentlichen Raum nicht gut, weil sie fortgesetzt beschmiert, besprüht, beschädigt und zerstört wird. Aber das ist nicht Wuppertal-spezifisch und auch nicht neu. Schon im 19. Jahrhundert wurden Zerstörungen gemeldet. Wenn ein Werk beschädigt ist, müssen wir es umgehend restaurieren. Steht es beschädigt herum, geht das immer weiter.

Wie erklären Sie sich, dass sich Menschen an Kunstwerken vergreifen?

Klement: Im städtischen Raum ist Kunst völlig ungeschützt, anders als in Museen. Bronze-Plastiken werden wegen ihres Metallwerts gestohlen. Aber Kunst kann einige Menschen bis zur handgreiflichen Attacke provozieren – wie Henry Moores „Große Sitzende“, die wie eine unliebsame Person geteert und gefedert worden ist. Dass Kunst nicht auf einen Zweck hin kalkuliert ist, dass sie Fragen stellt und mehrdeutige Aussagen macht, ist für manchen Betrachter verwirrend . Es fehlt der Zugang zu den Werken, dadurch werden sie als Provokation erlebt und es sinkt die Hemmschwelle, sie zu beschädigen.

Seit wann gibt es überhaupt Kunst im öffentlichen Raum?

Klement: Die Tradition der Reiter und Fürsten-Denkmäler reicht zurück bis in die Antike. Ab etwa 1870 wollten Verschönerungsvereine auch etwas Dekoratives in der Stadt und nicht nur die Verherrlichung von Macht und Krone. Es entwickelte sich eine starke bürgerliche Tradition. So sammelten um 1900 Bürger im Tal, aber auch Lehrerverbände in ganz Deutschland Geld für ein Denkmal zu Ehren des Schulreformer Friedrich Wilhelm Dörpfeld.

Wann wurde die Kunst moderner?

Klement: Eine wirkliche Neuerung kam 1931 mit Wilhelm Koopmanns „Heimziehenden Wandervogel“ am Sandhof. Eine kleine, aber ganz andere Figur, denn sie trug moderne Kleidung und nahm das aktuelle Thema der Wanderjugend auf. Mit Henri Moore fing 1958 die freie Kunst in Wuppertal an. Die erste abstrakte Arbeit in der Stadt war 1960 das „Relief Ronsdorf“ von Friedrich Werthmann an der dortigen Sparkasse. Als das Gebäude abgerissen wurde, ging das Werk zurück an den Künstler.

Hatte die Stadt früher viel mehr Geld für Kunst?

Klement: Erst seit den 1950er Jahren wurden nach dem Programm „Kunst am Bau“ bestimmte Summen im Haushalt veranschlagt für Aufträge an Künstler, die Werke für den öffentlichen Raum schaffen sollten. Die Mittel waren in der Regel als Teil der Baukosten ausgewiesen. So wurden 1957 beim Bau der Schwimmoper 50 000 Mark im städtischen Haushalt für Kunst bereitgestellt. 1981 zahlte die Stadt einen der wohl größten Beträge für eine einzelne Plastik im Stadtraum, nämlich 300 000 Mark für die Marmorskulptur „Die starke Linke“ von Alfred Hrdlicka. Einer der letzten städtischen Aufträge war das 1989 aufgestellte Denkmal für Else Lasker-Schüler von Stephan Huber.

Wie sieht es heute aus?

Klement: Es gibt kein Budget für Kunst im öffentlichen Raum, das wird sich angesichts der Haushaltslage wohl auch nicht so bald ändern. Aber da diese Kunstform ohnehin bis Ende der 1950er Jahre in den seltensten Fällen aus städtischen Mitteln finanziert wurde, werden sich gewiss weiterhin Stifter für diese Form der Kunstförderung entscheiden. Die letzte bedeutende große Schenkung kam 2013 durch die Bayer AG, die ihr 150 jähriges Jubiläum feierte, in den öffentlichen Raum: Die Skulptur „Domagk“ von Tony Cragg.

Was will Kunst in der Stadt erreichen?

Klement: Dahinter steckt die Idee, Kunst mitten in den städtischen Alltag hinein zu stellen, wo sie sich behaupten muss, aber den unterschiedlichsten Menschen auch nahe kommt. Kunst wendet sich an die Passanten nicht als Konsumenten. Es geht sicher auch darum, Künstler zu fördern. Und Kunst ist natürlich auch ein Imageträger der Stadtentwicklung.

Kam diese Idee immer bei der Bevölkerung an?

Klement: Kunst hat oft provoziert. Meist waren es Tabubrüche, die Menschen verärgert haben. Zum Beispiel die nackten männlichen Figuren auf dem Jubiläumsbrunnen, den August von der Heydt 1901 für den Neumarkt gestiftet hatte. Deshalb wurden Versammlungen abgehalten, die Familie von der Heydt galt plötzlich als unmoralisch.

Ist Wuppertal im Vergleich zu anderen NRW-Städten eine kunstsinnge Stadt?

Klement: Ja, das ist sie. Ein direkter Vergleich ist schwierig, die Kunst im öffentlichen Raum ist von großer Vielfalt, die Entwicklung der Städte sehr unterschiedlich. In Wuppertal ist die öffentliche Präsenz von Kunst doch recht augenfällig. So wurde 1997 in Kooperation mit der Sparkasse der Skulpturenweg Johannisberg gegründet (Werke von Bernar Venet, Ulrich Rückriem, Claus Bury, Alf Lechner) Und seit Tony Cragg 2008 den Skulpturenpark eröffnet hat und regelmäßig Ausstellungen von Plastiken der bedeutendsten modernen Künstler zeigt, ist Skulptur zu einem wichtigen Element der Wuppertaler Kultur geworden. Hier wird uns konkret ein Qualitätsmaßstab vor Augen geführt, über den im öffentlichen Raum oft leider große Differenzen bestehen.

Foto: Stefan Fries