350 Mal Musik

Bei Renate Schlomski beschweren sich die Nachbarn, wenn sie nicht Klavier übt: „Sie fragen schon mal, wann ich wieder spiele“, lächelt die 56-Jährige. Als Leiterin der Bergi- schen Musikschule kann sie feste Übungs- zeiten kaum einhalten, „aber wenn ich üben will, finde ich immer ein Zeitfenster“. Allerdings nicht an dem E-Piano in ihrem Büro: „Das ist hier nur abgestellt. Wenn je- mand rasch ein Instrument braucht, etwa für einen Auftritt außerhalb der Schule, holt er es ab.“

Das E-Piano auf Abruf ist ein schönes Beispiel für den Pragmatismus, mit dem Renate Schlomski diesen gewaltigen Klangkörper leitet: 3600 Schüler allen Alters hat die Ber- gische Musikschule in ihren sieben Zweig- stellen, sie ist eine der größten in NRW. Mit der Singpause erreicht sie weitere 2200 Grundschüler, die zweimal in der Woche in der Schule singen und einmal im Jahr alle zusammen ein Konzert in der Stadthalle geben.

Doch die schiere Größe ist kein Garant für die Zukunft. „Raus aus der Burg“ ist ihre Devise, um die Bergische Musikschule leben- dig zu halten. „Durch die Schulzeitverdich- tung sind die Kinder in ihren zeitlichen Möglichkeiten  zunehmend eingeschränkt.

Deshalb suchen wir die Kooperation mit Kitas und mittlerweile 40 Schulen, um die Kinder da zu treffen, wo sie sind. Wir arbeiten auch mit Altenheimen und Demenz-WGs zusam- men – es ist anrührend, wie Menschen durch Musik aufblühen.“ Kommunikation ist für Renate Schlomski das A und O. Neben  den

„sehr guten Kontakten zum Landes- und Bundesverband der Musikschulen“ hat sie über die Stadt ein Netzwerk geknüpft, von der Kantorei über die Kurrende bis zu Firmen als möglichen Sponsoren: „Der Kulturbereich wird ja seit Jahren gebeutelt. Aber wir halten eng zusammen.“

Mit sieben Jahren hatte sie ihren ersten Klavierunterricht in der damaligen Jugend- musikschule bekommen, seit 2011 ist die Instrumentalpädagogin und ausgebildete Pianistin die Chefin im Haus. Doch sie muss nicht ständig das große Rad drehen, sie un- terrichtet auch: „Ich könnte mir nicht vor- stellen, ohne Unterricht zu sein.“ Zehn Schü- ler zwischen sechs und 62 Jahren hat sie, ehrenamtlich übt sie mit einem kleinen Syrer. Zusätzlich leitet sie den Chor Pro Musica in Ronsdorf.

Renate Schlomski legt Wert auf die kleinen Dinge, die eine Institution mit Leben füllen. In ihrem Büro hängt unter anderem ein Bild, das ihr Schüler als Dankeschön gemalt haben, nachdem sie 2012 deren Musical am Klavier begleitet hat. Im vierten Stock tritt man aus dem Foyer auf eine ummauerte Terrasse. Die Leiterin kümmert sich gele- gentlich mit der Putzfrau darum, dass die Kübel hübsch bepflanzt sind: „Als Atempause gehe ich gucken, wie es den Pflanzen geht.“ Die Bergische Musikschule bietet 350 Ver- anstaltungen im Jahr, Schlomski schätzt auch Sinfoniekonzerte und die Oper: „Ich könnte jeden Abend woanders Musik hören.“ Aber da sind noch die drei Kinder und das erste Enkelkind, alle von Musik geprägt: „In mei- ner eigenen Familie ist Hausmusik selbst- verständlich.“ Der Älteste war früher in der Kurrende und singt jetzt bei den Amici del Canto, ihre Tochter singt in einem Chor der Musikschule, der jüngere Sohn hat die Gi- tarre wegen Job und Studium gerade mal beiseite gestellt. Ihr Mann hat vor einem halben Jahr zum Schlagzeug die Querflöte dazugenommen.

Angesichts von so viel Musik in allen Lebens- lagen stellt sich noch die Gretchenfrage für all diejenigen, die sicherheitshalber nur im geschlossenen Auto singen: Ist eigentlich jeder musikalisch? Renate Schlomski nickt:

„Ich erlebe es so, dass jeder eine musikalische Begabung hat. Es muss ja nicht im Gesang sein.“