Nie fertig

Rosi Dasch ist so vielfältig, dass man sie als personifizierten Aufbruch erlebt. Die 53-Jäh- rige mit dem schallenden, herzlichen Lachen ist Geigerin und Musiklehrerin in der Ber- gischen Musikschule; als Sängerin und Rezi- tatorin präsentiert sie Bühnenprogramme. Als sie durch eines ihrer Programme mit jiddischen Liedern auf das Schicksal der Ju- den in den litauischen Ghettos von Wilnius und Kanus aufmerksam wird, hat sie dazu eine Wanderausstellung konzipiert, die bis heute unterwegs ist. Seit 1997 organisiert sie Seit 1997 organisiert sie das Festival KlezColours, das sich den vielen Spielarten der Klezmer-Musik widmet. Aber auch eine Rosi Dasch braucht Ruhepole: den idyllischen Garten hinter dem Haus in der Barmer Innenstadt: „Ich verbringe jede freie Minute dort – das ist auch ein Geschenk.“

Frau Dasch, Sie bekommen im September den Preis der Schuler-Stiftung für Ihre jahrelangen Verdienste um die Wupper- taler Musikkultur. Was machen Sie mit dem Preisgeld von 7500 Euro?

Die Stiftung hat das Festival KlezColours schon in der Vergangenheit stark unterstützt. Als wir dessen 15. Ausgabe im vergangenen Herbst mit einem dreiwöchigen Programm
gefeiert haben, haben wir eine Projektförderung von 10000 Euro bekommen. Das Preisgeld kommt jetzt auf ein Sonderkonto und bildet die Grundlage für die weiteren Festivals.

Wie soll das Klemzer-Festival KlezColours in diesem Jahr werden?

Wir werden das Festival kleiner halten, es gibt drei Veranstaltungen Anfang Novem- ber. Solch ein Riesenprogramm wie 2015 ist nicht jedes Jahr zu stemmen. Aber der fetzige Tanzball mit Schnaftl Uftschik ist auf jeden Fall dabei.

Sie haben eine Zeit lang in Bonn gelebt, weil ihr Mann Kontrabass im Beethoven- Orchester spielt. Wie war es, als sie vor fünf Jahren gemeinsam nach Wuppertal zurückgezogen sind?

Da habe ich gemerkt: Es ist meine Stadt. Hier gibt es so viele gute Kollegen mit so vielen innovativen Ideen, diese Vielfalt er- innert mich ein bisschen an Berlin. In Bonn habe ich die Vielfalt vermisst. Da gibt es na- türlich Hochkultur, aber kein Publikum für ungewöhnliche kulturelle Angebote. Da könnten wir in Wuppertal auch ruhig stolz drauf sein.

Und Ihr persönliches Verhältnis zur Stadt?

Hier habe ich studiert und meinen Arbeits- platz gefunden. Wobei die Bergische Musik- schule nicht nur meine Arbeitsstelle ist, sondern auch meine Leidenschaft. Kaum sind Ferien, vermisse ich die Kinder schon.

Ist es nicht manchmal mühselig, wenn Schüler auf der Geige erst nur quietschen und kratzen?

Nein! Ich fange am liebsten mit den ganz Kleinen an, wenn sie vier oder fünf Jahre alt sind. Das ist eine wunderschöne Aufbau- phase. Sie haben so weiche Finger und eine so schnelle Auffassungsgabe.

Haben die Kinder heute noch Lust, lang- wierig zu üben?

(lacht) Das ist natürlich unterschiedlich. Man muss einfach ein absoluter Überzeugungs- täter sein, damit der Funke überspringt. Es ist großartig, wenn wir in einem meiner vier Kinderensembles nur über Augenkon- takt zu einer musikalischen Welle zusam- menfinden. Da gebe ich alles, was ich habe; ich würde nie etwas mit angezogener Hand- bremse tun.

Müssen Sie sich dafür immer wieder neu motivieren?

Nein, das geht von selbst, ich zeige gern, dass man viel gute Laune beim Spielen ha- ben kann. Und ich bin lernbegierig – auch fürs Lehren eine gute Voraussetzung. Im- mer wieder fange ich an, mich zu hinterfra- gen und an mir zu arbeiten. Ich denke ja nie, dass man fertig ist. Und ich staune, was man immer noch lernen kann.

Was haben Sie zuletzt gelernt?

Im April hatte ich mit meinem Piano-Part- ner Ulrich Raue in Krefeld die Premiere un- seres Tucholsky-Abends „Lerne lachen ohne zu weinen“; da geht es ums Politische, Bio- grafische und natürlich um Texte. Aber vorher habe ich wie bei jedem Bühnenstück intensiv mit der Schauspielerin Ingeborg Wolff die Sprechpassagen geübt. Weil sie jetzt in Leipzig wohnt, habe ich die Osterferien mehr oder minder dort verbracht. Und sie ist extrem genau, das können Sie mir glauben.

Sie haben aber doch schon eine klare Aussprache.

Ich würde mich nie auf eine Bühne stellen, wenn nicht wirklich alles tippitoppi ist. Ich fahre ja auch nicht zu einem Auftritt und nudele das Programm runter – das hat ja immer etwas mit dem Herzen zu tun.

Für das Programm „Es liegt was in der Luft“ mussten Sie in die Archive steigen, denn der Komponist Mischa Spoliansky ist so gut wie vergessen.

Es fasziniert mich, wenn ich mich so inten- siv in ein Leben hineinknie. Ich habe sogar seinen Nachlass in der Akademie der Künste in Berlin durchsehen können.

Mit den Bühnenprogrammen sind Sie bundesweit unterwegs. Warum sieht man Sie damit kaum in Wuppertal?

Ich versuche, nicht zu viel hier zu spielen – man muss es dosieren. Durch die Auftritte für die Bergische Musikschule und KlezColours bin ich ja schon ziemlich präsent. Aber wir kommen sicher auch mal nach Wuppertal.

Sie sind an vielen Wochenenden unter- wegs. Haben Sie nie daran gedacht, die Musikschule zugunsten der Bühnenpro- gramme aufzugeben?

Es wäre furchtbar, wenn ich die Kinder nicht hätte! Ich liebe meine kreativen Aus- brüche, aber ohne Unterricht wäre das alles nichts für mich. Ich hoffe, dass ich nie pen- sioniert werde (lacht).