Du bist bescheuert

Wenn jemand eine spektakuläre Aktion mit ausgefeiltem Konzept sucht, ein Ding, bei dem man erst mal sagt: „Geht doch nicht“ – dann kommt er zu Erhard Ufermann und sagt: „Hast du nicht mal eine Idee?“ Der stellt dann etwas auf die Beine wie im Mai das Orgel Open Air im Skulpturenpark – ein Gipfeltreffen renommierter Musiker, der Eintritt ist frei und dennoch bleibt eine an- sehnliche Spende für Brot für die Welt.

Erhard Ufermann wird bald 60, er ist ein zurückhaltender Mann, aber man sollte sei- ne freundliche Hartnäckigkeit nicht unter- schätzen. Von Beruf ist er Pfarrer, Musiker, Komponist und Kulturveranstalter – eine Mischung, in der sich die kreativen Kräfte potenzieren.  Er  hat  mit  vielen Künstlern, u.a. Anne Martin und Regina Advento, Pro- jekte gemacht und CDs veröffentlicht; im Hörfunk ist er mit Jazz und Radioandachten vertreten; seine Kulturprojekte reichen vom Ölberg bis zur Kulturhauptstadt 2010. Schwer- fällige Gebilde wie Städte, Landesbehörden, die Kirche und in diesem Juli der Weltkon- gress der Telefonseelsorger buchen die Ideen der Agentur „Kultur wirkt“, die er mit dem Regisseur Andy Dino Iussa gegründet hat – die Stadt Solingen  benutzt  ihren  Slogan

„Echt.Scharf.Solingen.“  bis heute. Ufermann hat Theologie studiert,  weil  er ins Gefängnis wollte: „Ich wollte nie in eine Gemeinde – das Bürgerliche kann ich nicht.“ 19 Jahre hat er als Gefängnispfarrer im Si- monshöfchen gearbeitet. Seelsorge versteht er transkulturell: „Bei mir konnten alle Reli- gionen und alle 48 im Gefängnis vertretenen Nationalitäten in den Gottesdienst kommen.“ Er habe das gelebt, auch mit „Ex-Knastis“ zusammengewohnt.   Manche   haben  ihm deshalb Unprofessionalität vorgeworfen, aber seinem Berufsverständnis entspricht es genau.

Dennoch hat er sich 2003 von der Kirche beurlauben lassen. Ein Grund:  „Wenn  ich nie versuche, von Kunst und Musik zu leben, kann ich mit 65 schlecht in den Spiegel gu- cken.“ Der andere war, dass er es nicht aus- gehalten hat, dass acht Millionen Euro in eine stärkere Vergitterung gesteckt wurden, seine „Knastis“ aber neun Monate auf eine Drogenberatung warten mussten. Bei all dem ist Ufermann kein Weichspüler. Als er neu- lich im Jugendgefängnis in Ronsdorf ausge- holfen hat, hat er die Häftlinge gefragt, ob ihre eigentliche Strafe nicht erst draußen anfängt: „Die waren natürlich geschockt. Aber ich will, dass sie sich vorher was über- legen.“

Seit 1989 besteht die Band Formation Ufer- mann, die Jazz und Weltmusik mit Lyrik verknüpft und mit der er im In- und Aus- land unterwegs ist. Erhard Ufermann hat der Stadt einen Kulturort geschenkt: die Band- fabrik, die tatsächlich früher die Bandfabrik seines Großvaters war. Als er 1998 in Lan- gerfeld mit Veranstaltungen anfing, „haben alle gesagt: ,Du bist bescheuert. Da kommt keiner hin, weder aus Elberfeld noch aus Westfalen.‘ Doch wir haben das geschafft.“ Er hat so zahl- und einfallsreiche Projekt angestoßen, dass man sie nicht annähernd auflisten kann. Ein Beispiel: Zwischen 2008 und 2014 sollte er für den Evangelischen Kirchenkreis Wuppertal dafür sorgen, dass Kirchenmusik wieder ins Bewusstsein rückt – „nachdem die Kirche sie zu Tode gespart hatte, von zwölf hauptamtlichen waren noch 2,9 Stellen übrig“. Ufermann stellte nicht nur das Mammutprojekt „Festival der Stimmen“ auf die Beine – 26 Konzerte in zehn Tagen an 30 Orten in der Stadt und mit 30 Kooperationspartnern. Er ließ sich auch Aktionen einfallen wie „Singen mit Unge- borenen“ (schwangere Frauen lernen Kin- derlieder) und „Happy Hour für Männer“ (spontanes Singen in Kultkneipen).

Erhard Ufermann, der heute eine halbe Pfarrerstelle an der Citykirche hat, kennt sich mit den Institutionen aus, denkt aber über ihre eingefahrenen Denkmuster hinaus und arbeitet mit Herzblut. Das ist sympa- thisch, aber man hat damit keinen leichten Stand. Damit eckt er auch in seiner Kirche an, an der er sich wiederum abarbeitet und sich etwa über das verbreitete Bestandssiche- rungsdenken aufregt.

Im September bekommt er den Preis der Schuler-Stiftung, weil er die Stadtkultur immer wieder mit seinen Projekten berei- chert. Das weiß er wohl, dennoch war seine Reaktion auf den Preis zwiespältig. Natür- lich hat er sich über das Preisgeld von 7500 Euro gefreut, das schon in das Orgel Open Air geflossen ist. „Aber im ersten Impuls ist es mir unangenehm, belobigt zu werden“. Zuhause habe es immer geheißen: „Wer hö- her steht, kann tiefer fallen.“ Das hat lange nachgewirkt. „Erst seit zehn Jahren stottere ich nicht mehr, wenn ich zu jemanden gehe, der eine Etage höher sitzt“, sagt der Mann, der so viele Steine ins Rollen bringt. Mit dem Preis hat er sich aber mittlerweile angefreundet: „Ich finde es schön, auf diese Weise Anerkennung zu finden.“