Alles wird anders

Was wird geschehen? Was soll geschehen? Wie muss eine Gesellschaft beschaffen sein, damit jeder in ihr funktionieren und gut le- ben kann? Ein großes Thema, ein wissen- schaftliches Thema. Grau ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum, heißt es in Goethes Faust. Als hätte der große deutsche Dichter TransZent vorausgedacht, geht es in der Wuppertaler Forschung auch um Grün, es geht um Nachhaltigkeit, um Ökologie, aber auch um Ökonomie. Das Thema ist so komplex wie die Modelle, die Forscher er- sinnen, um die Entwicklung der Gesellschaft zu beschreiben. Wenn sie TransZent erklären soll, sucht deshalb auch Mandy Singer-Bro- dowski nach Worten, wählt zunächst die schwierigen, um dann die einfachen zu fin- den. Das tut not. Denn es geht darum, zu erklären, was Wissenschaftler erforschen wollen und alle anderen verstehen sollen. Es geht um die Gesellschaft von morgen.

Um auch nur annähernd sagen zu können, was morgen ist, müssen die Forscher das Heute verstehen. „Wir haben in Wuppertal drei Reallabors“, erklärt Mandy Singer- Brodowski. Und schon das ist erklärungs- bedürftig. Die Wissenschaftler haben drei Gebiete in der Stadt identifiziert, anhand derer sie Entwicklungen beobachten kön- nen. Dass der Arrenberg, das sogenannte Klimaquartier, dazugehört, liegt ebenso auf der Hand wie die Utopiastadt im Mirker Bahnhof. In beiden Reallabors wird heute schon Zukunft gedacht und gemacht. Das geschieht bisweilen allerdings so verkopft, dass der Transformationsprozess, den Trans- Zent erforschen will, einen Transferprozess benötigt, damit möglichst viele verstehen können, worum es eigentlich geht, nämlich um sie selbst, um alle, die beispielsweise in Wuppertal wohnen. „Das ist alles schon sehr abstrakt“, sagt Singer-Brodowski. Die Dok- torin für Nachhaltigkeits-Wissenschaften ist auch Pädagogin und nicht zuletzt aus diesem Grund daran interessiert, dass mög- lichst alle verstehen, was die stete Verän- derung der Gesellschaft für sie bedeutet. Denn nicht wissen bedeutet Unsicherheit und  Angst,  bedeutet  Flucht  in  alte,  aber nicht unbedingt bewährte Strukturen. Die Sehnsucht nach dem starken Staat ist bei vielen Menschen nichts als die Furcht davor, dass alles anders wird. „Da spielt Bildung eine ganz zentrale Rolle, nicht nur in der Schule, sondern ein Leben lang.“

Denn alles wird anders, es muss alles anders werden. Auch in Wuppertal. Die Transfor- mationsforscher wissen das. Was sie nicht wissen ist, an welchen Merkmalen Verän- derung erkennbar ist und wie sich diese Merkmale nutzen lassen, wenn sie erkannt worden sind. Das ist tatsächlich sehr abstrakt.

Konkret ist der Wandel dennoch sichtbar. Da ist der Altersdurchschnitt der Bevölke- rung, der stetig steigt. Welche Folgen hat das für die Entwicklung einer Stadt? Utopia- stadt hat sich auf den Weg gemacht, diese Fragen zu beantworten. Da sind Leerstände im Einzelhandel. Sie sind einerseits ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Kon- sumverhalten der Menschen sich verän- dert hat. Gekauft wird im Internet, gelie- fert vom Paketdienst. Allein Lebensmittel- läden können sich noch problemlos halten. Allen anderen Geschäften weht der Wind ins Gesicht. Zu sehen ist das an vielen Orten in der Stadt. Die Berliner Straße, die Loher Straße, die Wichlinghauser Straße sind da- für Beispiele. Es gibt einige weitere. Aus diesem Grund ist der Stadtteil Wichlinghau- sen auch das dritte Reallabor der Forscher von TransZent. Sie fragen sich, ob nicht ge- nutzte Wohn- oder Geschäftsräume dauer- haft oder vorübergehend sozialen Einrich- tungen zur Verfügung gestellt werden können. „In Leipzig sind damit sehr gute Erfahrung gemacht worden“, sagt Mandy Singer-Brodowski.

Wuppertal verändert sich. Die Frage ist,  wie es sich verändert. Geschieht es nach Plan oder nach dem freien Spiel der Kräfte? Bisher ist Wachstum die Triebfeder, die In- dustrie- und Dienstleistungsgesellschaften antreibt. Das System funktioniert überwie- gend gut. Aber wie lange noch? Muss sich Wohlstand nur über Einkommen definie- ren? Schon machen Begriffe wie Better-Life- Index die Runde. Vor allem junge Menschen fragen nicht mehr in erster Linie nach Geld, sondern nach Work-Life-Balance einer Ar- beitsstelle. Die Gewichte verschieben sich. Gut leben zu können, ist mehr wert als ein gut gefülltes Bankkonto.

Wissenschaftler sind sich sicher, dass die Folgen der Umweltbelastung durch das Verfeuern fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle schon in wenigen Jahren nicht mehr reparabel sein werden. Auf der anderen Seite steigt auch in Wuppertal die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge mit Verbrennungs- motoren stetig. Für die Forscher der Wup- pertaler Uni sind Menschen wie Jörg Heyn- kes deshalb „Pioniere“ des Wandels. Die Anstrengungen des Unternehmers (Villa Media), das Stadtquartier Arrenberg mög- lichst klimaneutral zu organisieren und Elektromobilität zu fördern, sind demnach ein wichtiger Mosaikstein für die Gesellschaft der Zukunft. Höher, weiter, schneller ist unter TransZent-Gesichtspunkten nicht mehr der Antrieb der Zukunft. An dieser Stelle benutzt Mandy Singer-Brodowski das Wort

„Nachhaltigkeit“. Es ist strapaziert, trifft vermutlich aber den Kern.

Wenn schneller, höher und weiter nicht mehr die Maxime für Fortschritt sein können, weil die Rahmenbedingungen dafür nicht mehr gegeben sind, gilt dann das krasse Gegenteil? Es geht nicht darum, Rezession zu befördern“, erklärt sie. „Es geht um ein politisch gesteuertes Schrumpfen. Wie können wir vernünftig schrumpfen,  um  die Folgen unseres Daseins zu minimieren.“ Gemessen an der Größe der Aufgabe, ist der Zeitraum zu kurz, für den TransZent zu- nächst aus Steuermitteln finanziert wird. Drei Jahre sind zunächst vorgesehen. Das wird nicht reichen.