Urklang

Wenn Marvin Dillmann lange genug auf seinem riesigen, hölzernen Didgeridoo spielt, gerät er in eine Art meditative Trance. Er wird eins mit seinem Instrument, mit der Musik, mit der Umgebung. Seine Atmung nimmt dann seinen gesamten Körper in Anspruch und versetzt ihn selbst in rhythmische Schwingungen. Er ver- schmilzt mit der Musik. Seit über 20 Jahren begleitet ihn das tradi- tionelle Musikinstrument der australischen Ureinwohner, das sich ursprünglich aus einem von Termiten ausgehöhlten Eukalyptus- stamm entwickelt hat. Als Kind war er auf den Kontinent am ande- ren Ende der Welt gereist, um dort zum ersten Mal seine Großmut- ter zu treffen. Ein Aborigine lässt den damals 11-Jährigen seine ersten Töne auf dem Didgeridoo spielen. Seit diesem Tag ist er von den mystischen Klängen aus dem hohlen Holzstamm fasziniert.

2006 trifft er seinen jetzigen Sufi-Lehrer Sheikh Hassan Dyck und konvertiert kurz darauf zum Islam. Laut Marvin Dillmann „eine Fügung des Universums“. Bei Sufis denken viele wahrscheinlich zuallererst an die typischen Derwische des Mevlevi-Ordens, die sich in ihrem weißen Gewand und mit dem charakteristischen Filzhut ausdauernd in Trance drehen. Doch es geht natürlich um mehr als das. Sufismus, das ist die mystische Strömung im Islam und eine eher nach innen wie nach außen gerichtete spirituelle Lebensweise. Sogenannte Sufis sehen den Koran nicht als strenges Regelwerk, sondern als praktischen Begleiter für das Leben. Es geht um das unmittelbare Erleben Gottes, eine Einheit mit der göttlichen Kraft. Das ist auch für Marvin Dillmann das Wichtigste. Für fanatische Islamisten, die die Welt in Gläubige und Ungläubige unterteilen, hat er keinerlei Verständnis. „Denen geht es um eine Spaltung, ich sehe die Zusammenhänge, das große Ganze“, erklärt der gebürtige Wuppertaler.

„Das Didgeridoo gehört zwar nicht unbedingt zum Sufismus, aber es passt sehr gut dazu. In Australien gilt es eigentlich nicht als Solo- instrument, sondern wird meist begleitend zusammen mit Ober- tongesang gespielt. Aus religiöser Sicht könnte man es von der Funktion mit einer Kirchenorgel vergleichen“, erklärt Marvin Dillmann. Sein Instrument passt vor allem hervorragend zu seiner eigenen spirituellen Sichtweise, dass „es immer irgendwo Zusam- menhänge gibt, auch wenn augenscheinlich keine vorhanden sind. Alles ist miteinander verbunden“. Diese Erkenntnis hängt auch mit seinen musikalischen Erfahrungen zusammen. „Wenn es bei einem Auftritt gut läuft und alle sich der Musik hingeben, werde ich auch zum Zuhörer. Das Spielen passiert dann von alleine“, so der Musiker. Er folge dann einem universalen „Urklang des Uni- versums“. Dieser verbinde das Sichtbare mit dem Unsichtbaren und das Innere mit dem Äußeren. In der Yogalehre bezeichnet man diesen Klang als Om oder Aum.

Da sein Instrument von Natur aus einen gewissen Lautstärkepegel mit sich bringt, probt Marvin Dillmann auch gerne mal in der Fuß- gängerzone: „Hier kann ich üben und gleichzeitig noch etwas Geld verdienen. Ich gebe der Stadt etwas und die Menschen geben mir etwas, das ist eine schöne Sache. Ich mache immer wieder gerne Straßenmusik“, sagt er. Darüber hinaus spielt er aktuell unter an- derem zahlreiche Auftritte mit dem Pianisten Daniel Bark, den er 2010 kennengelernt hat. Die Kombination von Didgeridoo und Flü- gel ist durchaus ungewöhnlich, aber „eine spannende und sehr energetische Sache. Da steckt viel Potenzial drin“, so der Musiker. Am 27. August spielten sie gemeinsam beim Viertelkang-Festival  in Wuppertal, am 2. September sind sie in Velbert zu hören und am 9. tritt Marvin Dillmann bei der „Nacht der Mystik“ in der Lau- rentiusbasilika auf. Eine Art universeller Gottesdienst der drei be- kanntesten abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Im August letzten Jahres erschien eine gemeinsame CD seiner Kombo MaMaSah mit dem Titel „Living Silence“, die Marvin Dillmann zusammen mit Mario Triska (Geige) und Kevin „Sahara“ Keating (Schlagzeug) produzierte.

Dillmann fühlt sich wohl in seiner Heimatstadt, Wuppertal habe ein großes künstlerisches Potenzial. „Ein guter Nährboden, um kreativ zu wachsen.“ Auf die Frage nach seinen Wünschen für die Zukunft zieht es ihn dann allerdings doch wieder in die Ferne: Am liebsten würde er noch einmal nach Australien reisen, um die Oma zu besuchen.