Raum für Neues

Früher war vieles anders, wahrscheinlich wenig besser, aber eines sicher: Der Wackel- treff lief immer. Er war das Markenzeichen der Börse, manch einer mag damals geglaubt haben, die Party sei ihr einziger Daseinszweck. Das war zu Wackeltreff-Zeiten ebenso falsch, wie es heute falsch ist. Die Börse ist keine Kneipe, sie ist auch kein Jugendtreff, sie ist ein Kommunikationszentrum. Als sie 1974 eröffnet wurde, war sie ein Exot in Deutsch- land. Heute gibt es in vielen Städten Ein- richtungen dieser Art. Und sie fragen sich, was die Zukunft wohl bringen wird.

In Wuppertal befasst sich Christin  Pomp mit diesem Thema. Sie hat vor kaum einem halben Jahr die Leitung des Hauses über- nommen, das seit 1998 an der Wolkenburg steht. Christin Pomp ist 26 Jahre alt. Die Ge- schichte der Börse kennt sie aus Erzählungen. Auf dem Weg in die Zukunft muss Jugend kein Nachteil sein.

In den 1970er Jahren verfolgten Kommunika- tionszentren das Ziel, Jugendlichen einen Raum zu bieten, in dem sie sich treffen und ausdrücken konnten. Das waren die Zeiten, in denen die Börse die Politik spaltete. Das Misstrauen gegenüber den jungen Leuten ging so weit, dass die CDU Anfang der 80er

Jahre die Schließung der Börse betrieb, weil sie linkslastige Umtriebe fürchtete. Der Sturm zog vorüber, die Börse blieb stehen. Auch der Umzug vom Viehhof an die  Wolkenburg hat der Legende nicht geschadet. Dabei ist nicht mehr viel, wie es einmal war. „Ich glaube, der Wackeltreff war die Partyreihe mit der längsten Geschichte“, sagt Christin Pomp. Auf jeden Fall ist der einstige Don- nerstag-Termin untrennbar mit der Börse verbunden. Kein Wuppertaler über 30, der den Wackeltreff nicht kennt.

Aber in der freien Kulturszene ist es wie im Fußball: Tradition schießt keine Tore. Und die Aufgabe ist längst, die Börse auch ohne Wackeltreff bekannt zu machen. Das gelingt durch zahllose große und kleine  Konzerte, durch Theater, durch Weiterbildung, durch Projekte, mit denen die Börse in den Stadt- teil wirkt. Eines davon heißt „liebe, lebe Wuppertal“ und führt dessen Teilnehmer auf Rundgänge mit  Performances  überall in der Stadt. „Wie bieten Räume und wir vernetzen“, sagt Christin Pomp. Die junge Geschäftsführerin weiß aber, dass auch das auf die Dauer nicht reichen wird.

Partys und Konzerte werden die Basis des Geschäftes bleiben, weil die Börse sich zu einem Teil selbst finanzieren muss. „Wir wollen als offenes Haus verstanden werden“, sagt die Geschäftsführerin, die im nieder- ländischen Nijmegen kulturelle Sozialpäda- gogik studiert hat. Viele Wuppertaler ver- stehen das so. Ein Großteil dieser Besucher ist aber 30 Jahre und aufwärts. Das Publikum altert mit der Einrichtung. Das ist schön, auf lange Sicht aber nicht tragfähig. Neue, jün- gere Zielgruppen müssen her. Und schon befindet sich die Börse in Konkurrenz zu den neuen Medien, zu einer anderen Jugendkultur.

„Was wollen die Menschen in Zukunft von uns?“ ist deshalb auch die Frage, die Chris- tin Pomp und ihr sechsköpfiges Team per- manent umtreibt. Antworten hat sie noch nicht. Pomp und ihr Team werden welche suchen – in  Gesprächen.  Kommunikation ist schließlich der Anfang von vielem, viel- leicht auch der Beginn der Zukunft.