Taktvolle Rückkehr

Der Wert einer Institution macht sich viel- leicht am besten in der Vorstellung deutlich, dass es diese Institution nicht gäbe. Also keine 190 Studenten, keine 70 Dozenten, vor allem keine 150 Konzerte, zu denen In- teressierte völlig kostenlos und unverbind- lich kommen können. Und kein Transfer einer schönen Kunst in das städtische Um- feld der Institution. Auch so gesehen ist es ein Glück, dass die Hochschule für Musik und Tanz Köln – Standort Wuppertal der Stadt erhalten bleibt. Diese Nachricht hat im Frühjahr allenthalben Erleichterung aus- gelöst, nicht zuletzt beim Leiter des Stand- ortes, Lutz-Werner Hesse (60).

Die Wuppertaler Musikhochschule hat längst auf Zukunftsmodus geschaltet. Sie will Neues tun, ohne Altes zu lassen. „Selbstverständ- lich bilden wir weiter Künstler aus“, sagt Hesse. Aber das ist nicht mehr alles, weil es nicht ausreicht. Der Bedarf an Künstlern ist begrenzt, und seien sie noch so gut ausge- bildet. Große und kleine Orchester, städ- tisch wie privat, fragen deutlich weniger Musiker nach als an den Hochschulen in Deutschland ausgebildet werden. Der Weg zum Traumberuf führt viele junge Menschen in die Sackgasse. Die Idee der Wuppertaler Musikhochschule ist deshalb, die hohe Kunst so mit Pädagogik zu verbinden, dass sie Antworten geben kann auf die Fragen von morgen. Wer unterrichtet junge, aber ge- rade auch alte Menschen, die privat unter- richtet werden wollen, weil sie in den öffent- lichen Betrieb nicht passen? Wer bereichert das schwierige Thema Inklusion versiert und praxisnah mit Musik? Die Gesellschaft ver- ändert sich. Der Anteil der mehr als 65-Jäh- rigen wird die Zahl der unter 25-Jährigen  in absehbarer Zeit übersteigen. Daraus er- geben sich für künstlerisch gut ausgebildete Musikpädagogen ganz neue Arbeitsfelder. Wuppertal will junge Musiker auf diesen Markt vorbereiten. „Das heißt aber nicht, dass wir keine Künstler mehr ausbilden“, sagt Hesse ausdrücklich. „Aus der Begegnung von Kunst und Pädagogik entsteht etwas Neues. Dabei profitieren wir von der künst- lerischen Größe Kölns.“

Das hat Sinn. Denn die Künstler werden auch in Wuppertal noch gebraucht. Während ihres Studiums sind sie die Botschafter der Hochschule in der Stadt. Sie knüpfen mit ihren zahlreichen Konzerten den Kontakt zur Bevölkerung. Was Musik bewirken kann, zeigt sich im Umfeld der Schule an der Sedan- straße in Barmen. Die Studenten sind mit Geigenkästen und Gitarrenkoffern auf eine sehr sympathische Art stadtbildprägend ge- worden. Und mehr noch: mit ihren kosten- losen Konzerten in der Hochschule ebnen sie dem ganzen Viertel den Weg zur Musik.

„Wir sehen das an unserem Publikum. Das sind ganz normale Menschen, Leute, die gerade von der Arbeit kommen und sich bei uns ein Konzert anhören. Das ist eine sehr schöne Entwicklung. Damit haben wir gar nicht gerechnet, als wir vor acht Jahren von Elberfeld nach Barmen gezogen sind“, sagt Hesse. Wuppertal kann sich glücklich schätzen, dass ihm die Hochschule für Musik erhalten geblieben ist.

So stehen die Zeichen auf Willkommen statt auf Abschied. Die öffentlich geförderte Kul- turlandschaft Wuppertals formiert sich gerade neu. „Zur neuen Generalmusikdirek- torin habe ich einen guten Draht“, sagt Lutz-Werner Hesse. „Julia Jones wird mit unseren Musikern zusammenarbeiten.“ Auch die Kooperation mit der Oper soll wieder- belebt werden. Sie ist unter der Ägide von Toshiyuki Kamioka eingeschlafen. Er fand keinen Zugang zur Musikhochschule, war laut Hesse nicht ein einziges Mal in dem Gebäude. Mit dem neuen Opernintendanten dürfte das anders werden. Berthold Schneider hat bereits grenzenlose Kooperationsbe- reitschaft signalisiert. Und genau das spie- gelt sich in seinem ersten Programm für Wuppertal wider.

Nach ihrer monatelangen Zitterpartie ums Überleben kehrt die Musikhochschule nun in die Mitte der Wuppertaler Kulturgesell- schaft zurück. Wie willkommen sie dort immer war, zeigt die Reaktion der Oberbür- germeister. Peter Jung war regelmäßig Gast der Schulkonzerte und auch Jungs Nachfol- ger Andreas Mucke hat sich längst angesagt.

„Das ist schon etwas Besonderes“, sagt Hesse.

„Das ist nicht üblich. Die Kölner Musikhoch- schule hat meines Wissens nach noch nicht ein einziger Kölner Oberbürgermeister be- treten.“