Homebase Wuppertal

Brenda Boykins Lachen ist emotional, mit- reißend und vor allem ehrlich – genau wie ihre Auftritte. Seit Jahren wird die US-ame- rikanische Jazz- und Blues-Sängerin von Kritikern und vom Publikum gefeiert. Ihre lockere und sympathische Art macht jede Begegnung mit der 59-jährigen Musikerin zu einem echten Erlebnis. Zum Interview empfängt sie uns im historischen Café Engels im Luisenviertel. Umgeben von hohen Alt- bauwänden trinkt sie eine große Tasse Tee. Man kennt sich. Im Luisenviertel arbeite sie oft an neuen Songs und stöbere in ihrem iPad nach Inspirationen, erzählt sie. Gebo- ren wurde die Sängerin in Oakland, das sie gerne mit ihrer Wahlheimat Wuppertal vergleicht. Seit 12 Jahren lebt Boykin hier. Lange genug, um ihre persönlichen Erfah- rung in dem Anfang 2016 erschienenen Al- bum mit dem Titel „Homebase“ zu verar- beiten. „Wuppertal hat wat!“, sagt sie und lacht.

Nicht nur von der Größe und der Einwoh- nerzahl sind die Städte Oakland und Wup- pertal vergleichbar. Oakland war nie so hip und cool wie das nicht allzu weit entfernte San Francisco, ebenso wie Wuppertal in vielen Bereichen im Schatten seiner Nach- barstädte Köln und Düsseldorf steht. Seit Edwin Hawkins’ Durchbruch mit „Oh Happy Day“ gilt Oakland weltweit als eine der Hauptstädte der Gospelmusik, Wuppertal dank Kowald und Co. als die Geburtsstätte des deutschen Free Jazz. Die Musikerin fühlt sich sichtlich wohl im Tal an der Wupper und ist überzeugt von dem künstlerischen Potenzial der Stadt: „Es gibt viele aktive Musiker und jeder macht sein eigenes Ding. Außerdem ist es hier viel günstiger als im schicken Düsseldorf.“

Ihren ersten Auftritt in Deutschland hatte die Sängerin 2002 in Freiburg beim Zelt-Mu- sik-Festival (ZMF). Dort verbrachte sie zwei Wochen als Artist in Residence und lernte die Stadt kennen. Sechs Monate später tourte sie mit einer Wuppertaler Band – wieder in Freiburg. Eine sehr angenehme Erfahrung für die Musikerin: „Ich sagte mir    damals: Ich könnte in Deutschland leben.“ Wieder zurück in der Heimat ließ ihr dieser Gedanke keine Ruhe mehr. „Man muss etwas für sich machen, sich weiterentwickeln“, so Boykin.

„Älter werden ist nicht schlimm, alt sein und bleiben schon.“ Zwei Jahre darauf zog sie endgültig nach Wuppertal.

Blues, Jazz, Soul, Gospel, Country – in Brenda Boykins Familie wurde grundsätzlich viel Musik gehört. Besonders ihr inzwischen verstorbener Bruder war ein echter Musik- freak und leidenschaftlicher Bassist. „Man hörte bei uns zu Hause ständig, wie mein Bruder auf dem Bass übte. Und mein Vater hat sehr gerne Radio gehört. Ich hatte also immer geile Musik im Haus“, erzählt Boykin. Ihre eigene musikalische Karriere nahm ihren Anfang in der North Oakland Missionary Baptist Church. Inzwischen mischt sie Musik- stile, wie es ihr am besten gefällt. In ihrer Kindheit hätten sie die Songs der  amerikanischen Funk- und Soul-Band „Tower of Power“ in ihren Bann gezogen, die noch heute aktive Band stammt ebenfalls aus Oakland.

Brenda Boykin zählt zur ersten Generation von Immigranten aus dem Süden in der East Bay. In ihren Songs verarbeitet sie oft die Erfahrungen und Einflüsse aus ihrer Kind- heit als Afro-Amerikanerin in den USA der 60er Jahre. Ihre Eltern, so Brenda Boykin, zogen damals von Mississippi nach Oak- land: „Mein Vater hat seine Chance genutzt und sich auf eine Stelle als Maschinen- schlosser bei der Firma Kaiser Steel bewor- ben. Dort suchte man nach jungen, ausge- bildeten Männern–ausdrücklich unabhängig von der Hautfarbe. Und das in den Vierzi- gern!“ Dieser Umstand spiegelte sich auch in der Erziehung. Ihre Eltern hatten zum Beispiel stets darauf geachtet, dass sie und ihre Geschwister korrektes Englisch ohne Südstaatenslang sprechen, „damit es in der Schule keine Probleme gibt“.

Der Blick zurück ist für Brenda Boykin immer eine wichtige Komponente, nicht nur in musikalischer Hinsicht: „Ich war im Januar das erste Mal seit über elf Jahren wieder in Oakland. Das war sehr interessant für mich, vieles hat sich verändert. Aber: Es war wie eine Welle der Liebe, absolut überwältigend. Alle meine Freunde aus der Nachbarschaft, meine Familie und alte Bekannte waren bei einem Auftritt von mir. Als ich auf die Bühne kam, habe ich erst mal laut geschrien  ‚I love you Oakley!’“, erzählt die Musikerin und lacht.

Eines zumindest steht nach unserem nach- mittäglichen Gespräch mit der sympathi- schen Sängerin fest: Brenda Boykin hat wat! Und sie gehört eindeutig zu Wuppertal.