Verguckt in Kunst

Die Wuppertaler haben Ulle Hees geliebt, diese große und lebensfrohe Bildhauerin. Als sie am 9. Juli 2012 im Alter von 71 Jahren starb, legten viele Menschen Blumen  an der Mina Knallenfalls in der Poststraße ab, ihrer bekanntesten Skulptur. „Im ersten Jahr sind viele Leute weinend aus meinem Geschäft gegangen“, sagt Marcus Stobbe, der den künstlerischen Hees-Nachlass verwaltet und in seinem Geschäft „Antik im Hof“ an- bietet. Sie erzählten von Begegnungen und Begebenheiten, von den entspannten Kursen, ob in Wuppertal oder der Bretagne.

Es kam auch ein Mann aus der Nachbarschaft, der so gar nicht nach Kunstliebhaber aus- sah. Der habe sich spontan in ihre „Hommage à Grandville“ verguckt, musste aber erst Geld besorgen. Stobbe war skeptisch, ob er wiederkommen würde, denn das Werk kos- tete 3900 Euro. Doch zwei Tage später legte der Mann die Summe auf den Tisch: „Ich bin Lagerarbeiter, habe keinen Führerschein und kein Auto.“ Da könne er sein Geld doch auch für etwas Schönes ausgeben. „Das hätte Ulle gut gefallen“, sagt Stobbe.

Denn Ulle Hees hat die Menschen und ihre Stadt geliebt. 1941 wird sie in Vohwinkel geboren. Schon mit 14 Jahren wird sie an der Wuppertaler Werkkunstschule angenommen. Mit 16 Jahren besteht sie die Aufnahme- prüfung an der Akademie der Bildenden Künste in München, später studiert sie drei Jahre in Rom. 1964 kehrt sie zurück nach Wuppertal – und bleibt. Liebevoll und eigen- sinnig hat sie Menschen, Tiere, Landschaf- ten abgebildet, bis hin zur Schwebebahn,  in deren geräuschvoller Nachbarschaft sie lange lebt.

Ulle Hees wurde von der Stadt jedoch nur bedingt wiedergeliebt. Denn die Künstlerin verband ihre menschennahe Arbeit mit zeit- geschichtlichen Inhalten und war zudem lange mit dem Kommunisten Herbert Hees verheiratet. Wie sehr Politik und Verwaltung Abstand zu ihr gehalten haben, lässt sich daran ablesen, dass nicht die Stadt, sondern andere Stifter die meisten Werke im Stadt- gebiet bezahlt haben. Nur einige Beispiele: „Das zerbrochene Herz“ über die jüdische Dichterin Else Laser-Schüler hat die Enno- und Christa-Springmann-Stifung 2000 der Stadt geschenkt. Die wusste nicht so recht, wohin damit. Erst stand die Skulptur im Rathaus Barmen, dann kam sie ins Schau- spielhaus. Als das geschlossen wurde, wanderte sie ins Opernhaus, wurde aber auf Bitten von Enno Springmann 2014 ins Elber- felder Verwaltungshaus umgesetzt.

Das Helene-Stöcker-Denkmal vor der VHS in Elberfeld, das Ulle Hees begonnen und ihr Kollege Frank Breidenbruch fertiggestellt hat: Die Armin T.-Wegner-Gesellschaft und die Initiative „Geschichte Gestalten“ haben dafür 50 000 Euro gesammelt.

„Das Urteil“ über die Wuppertaler Gewerk- schaftsprozesse 1935 stand zehn Jahre im Keller des Gewerkschaftshauses, bis genug Spenden von Mitgliedern zusammengekom- men waren. Erst 1995 konnte der damalige Bundespräsident Johannes Rau die Skulptur auf der Gerichtsinsel enthüllen.

Nachlassverwalter Stobbe hat 2015 eine ge- meinsame Ausstellung von Kulturbüro (im Rathaus Elberfeld) und Ort (in der Luisen- straße 116) erreicht. Gerhard Finckh, Direk- tor des Von der Heydt-Museums, sieht jedoch

„keine Veranlassung, Ulle Hees eine Ausstel- lung zu widmen“; auch seine Vorgängerin Sabine Fehlemann brachte den Arbeiten kein Interesse entgegen. „Das Museum will auch nichts geschenkt haben“, so Stobbe. Dennoch wird die Bildhauerin den Wupper- talern nicht aus dem Sinn gehen. Schließ- lich sind ihre Arbeiten über die Stadt ver- teilt – und Bronze hält Jahrtausende. Auch die nachwachsenden Generationen werden wissen, wer sie war. Denn die Schule, die sie einst in Vohwinkel besucht hat, trägt nun ihren Namen.